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Gesund mit Diehm!

Lebensmittelunverträglichkeiten – Modeerscheinung oder real?

Immer mehr Deutsche denken, sie müssten auf Lebensmittel mit Laktose, Fruktose, Gluten oder Histamin verzichten – die (angeblichen) Unverträglichkeiten greifen um sich, wie eine Epidemie. Ist das real oder nur ein hysterischer Trend? Informationen rund um den menschlichen Körper und die Gesundheit – erklärt von Prof. Dr. Curt Diehm.

Eines steht fest: In den vergangenen Jahrzehnten konnten wir weltweit eine deutliche Zunahme allergischer Erkrankungen beobachten. Dennoch würde ich die heute grassierende Welle an angeblichen Nahrungsmittelunverträglichkeiten eher als Hysterie bezeichnen. Laut einer aktuellen Studie aus den USA mit über 40.000 Erwachsenen glaubt dort jeder fünfte, auf bestimmte Lebensmittel allergisch zu reagieren. Real bestätigt wurde dieser Verdacht jedoch nur bei weniger als 10 Prozent. Auch bei uns in Deutschland „glauben“ – und ich wähle dieses Wort ganz bewusst – aktuell rund 10 Prozent aller Erwachsenen (in den USA sind es sogar 30 Prozent), an einer Gluten-Unverträglichkeit zu leiden. Wirklich betroffen sind jedoch nur ein bis zwei Prozent.

Die Lebensmittelunverträglichkeiten im Überblick

Bevor wir uns den Gründen widmen, hier zuerst ein kleiner Überblick über die bekanntesten Unverträglichkeiten:

Etwa 15 Prozent der deutschen Bevölkerung leiden unter einem Laktase-Mangel und der daraus resultierenden Laktose-Intoleranz. Das Enzym Laktase spaltet den Milchzucker. Wenn es fehlt, übernehmen Bakterien diesen Job und es kommt zu Unwohlsein, Blähungen oder Durchfall. Betroffene müssen auf Milch und Milchprodukte verzichten.
Ähnlich Symptome treten bei einer Fruktose-Intoleranz auf. Diese Unverträglichkeit von Fruchtzucker kommt jedoch seltener vor und häufig nur bei sehr hohem Obst-Konsum.

Bei der Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie) reagieren die Betroffen auf das in unseren heimischen Getreidearten Weizen, Roggen und Gerste enthaltene Eiweiß Gluten. Und bei einer Histamin-Unverträglichkeit reagiert der Körper auf Histamin-haltige Lebensmittel wie Käse, Salami, Sauerkraut oder Rotwein.

Warum gibt es so viele angeblich Betroffene

Inzwischen rätselt die medizinische Fachwelt darüber, warum es – plötzlich – so viele Menschen gibt, die sich von einer dieser Unverträglichkeiten betroffen wähnt. Sicher spielen dabei die heute deutlich besseren Diagnosemöglichkeiten eine Rolle.

Eine andere Theorie macht den so genannten Nocebo-Effekt dafür verantwortlich. Anders als beim bekannten Placebo-Effekt (mit seiner positiven Wirkung von Scheinmedikamenten) löst bei ihm schon allein die Erwartung von unangenehmen Folgen reale Beschwerden aus. Das bedeutet: Wer unspezifische Symptome wie Bauchgrummeln, Blähungen, Unwohlsein oder einen veränderten Stuhlgang erwartet, der wird auch genau diese Symptome bekommen.

Darum mein Ratschlag: Jeder fühlt sich nach dem Essen mal nicht wohl. Geraten Sie bitte nicht gleich in Panik. Nur, wenn die Symptome wiederholt und besonders stark auftreten, sollten Sie mit ihrem Arzt reden. Laktose-Intoleranz kann er beispielsweise mit einem einfachen Atemtest diagnostizieren. Beginnen Sie auf keinen Fall ohne Rücksprache mit einer Diät oder dem Verzicht auf gewisse Lebensmittel, denn – sollten Sie wirklich betroffen sein – kann das die spätere ärztliche Diagnose deutlich erschweren.

Zur Person

Prof. Dr. med. Curt Diehm zählt zu den führenden Medizinern im Südwesten Deutschlands, er ist Autor zahlreicher Fach- und Patientenbücher und langjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßmedizin. Seit Mitte 2014 leitet er als Ärztlicher Direktor die renommierte Max Grundig Klinik in Bühl. Alle Beiträge dieser Serie zum Nachlesen unter www.max-grundig-klinik.de.

 

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