Es gibt Erfindungen, die lösen ein Problem. Und dann gibt es jene, die eine ganze Kultur verändern. Coravin gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Als Greg Lambrecht an diesem Nachmittag in München vor Sommeliers, Gastronomen und Weinliebhabern steht, wirkt der Amerikaner nicht wie ein Tech-Unternehmer. Ruhig, bescheiden und mit einem ansteckenden Enthusiasmus erzählt er von seiner größten Leidenschaft: Wein. Seine eigentliche Karriere führte ihn allerdings zunächst in die Medizintechnik. Genau dort entstand letztlich die Idee, die heute den Weingenuss weltweit verändert hat.
Vom OP zur Weinflasche
„Ich habe mich illegal in Wein verliebt“, erzählt Lambrecht mit einem Lächeln. Mit 16 Jahren kostete er in Napa Valley seinen ersten Wein und war sofort fasziniert von den Aromen, den Geschichten und der Vielfalt. Jahre später arbeitete er an medizinischen Systemen zur Chemotherapie. Dabei entwickelte er Implantate und hochpräzise Nadeln, die Patienten über Monate hinweg Medikamente zuführten. Zu Hause stellte sich jedoch ein ganz anderes Problem: Seine damalige Frau trank kaum Wein, er selbst wollte aber verschiedenste Flaschen entdecken, ohne sie nach einem Glas entsorgen zu müssen. Die Lösung entstand 1999 am heimischen Küchentisch – mit einer Weinflasche, einer medizinischen Nadel und einer Portion Erfindergeist. Das Prinzip war ebenso einfach wie genial: Wein wird entnommen, ohne den Korken zu ziehen. Statt Sauerstoff gelangt Argon in die Flasche – ein Edelgas, das den Wein vor Oxidation schützt. So bleibt eine geöffnete Flasche über Jahre hinweg nahezu unverändert.

Zwölf Jahre Testlabor im eigenen Keller
Lambrecht vertraute seiner Idee allerdings nicht blind. Zwölf Jahre lang testete er sie ausschließlich im eigenen Keller. Rund 800 verschiedene Weine wurden regelmäßig blind gegen frisch geöffnete Flaschen verkostet – nach einem Monat, sechs Monaten, einem Jahr und schließlich nach bis zu fünf Jahren. Erst als die Ergebnisse überzeugten, gründete er 2011 Coravin. Zwei Jahre später kam das System in den USA auf den Markt, kurz darauf in Europa. Heute ist Coravin in rund 80 Ländern erhältlich und ermöglicht nach Unternehmensangaben täglich rund 100.000 ausgeschenkte Gläser Wein, ohne dass die Flaschen vollständig geöffnet werden.
Mehr Freiheit statt mehr Technik
Wer Greg Lambrecht zuhört, merkt schnell: Für ihn geht es nie um Technik allein. „Ich trinke heute rund 90 Prozent meines Weins glasweise – selbst zu Hause“, erzählt er. Nicht, weil er weniger trinken möchte, sondern weil er mehr entdecken will. Diese Freiheit sei der eigentliche Kern von Coravin. Statt sich auf eine einzige Flasche festlegen zu müssen, können Weinliebhaber unterschiedlichste Regionen, Rebsorten und Jahrgänge miteinander vergleichen. Große Gewächse müssen nicht mehr für den „richtigen Anlass“ aufgehoben werden.

Coravin auch für Champagner
Lange galt Schaumwein als die große Herausforderung. Während Stillweine vor Sauerstoff geschützt werden müssen, geht es bei Champagner darum, den Kohlensäuredruck zu erhalten. Acht Jahre Entwicklungszeit investierte Coravin in das Sparkling-System. Statt Argon kommt hier Kohlendioxid zum Einsatz, das nach jedem Ausschank den Druck in der Flasche wiederherstellt. Laut Lambrecht bleiben Champagner und andere Schaumweine dadurch mindestens einen Monat auf hohem Niveau erhalten. Interne Blindverkostungen und internationale Vergleichstests hätten gezeigt, dass selbst erfahrene Sommeliers kaum zwischen frisch geöffneten und konservierten Flaschen unterscheiden können. Diese Aussage wurde während der Präsentation unmittelbar überprüft: Die Gäste verkosteten drei Gläser desselben Champagners – zwei stammten aus einer vor über einem Monat geöffneten und mit Coravin konservierten Flasche, eines aus einer frisch geöffneten. Das Ergebnis entsprach den Erfahrungen aus früheren Blindtests: Die Teilnehmer konnten die Unterschiede kaum zuverlässig erkennen.
Eine neue Kultur des Weintrinkens
Wie stark Coravin die Gastronomie verändert hat, erklärt an diesem Tag auch Sommelier Justin Leone, der Lambrecht seit vielen Jahren begleitet. Bereits während seiner Zeit im Münchner Tantris begann er, Spitzenweine glasweise anzubieten – darunter Etiketten, die zuvor ausschließlich flaschenweise verkauft wurden. Heute verfolgt er mit seinem Konzept in der eigenen Weinbar Sticks and Stones eine noch größere Idee: Wein soll demokratischer werden. Statt mehrere Hundert Euro für eine ganze Flasche auszugeben, können Gäste außergewöhnliche Weine glasweise erleben. Das senkt die Hemmschwelle, fördert Neugier und macht selbst seltene Spitzengewächse zugänglich. Gleichzeitig erhalten Sommeliers völlig neue Möglichkeiten, Geschichten über Wein nicht nur zu erzählen, sondern unmittelbar erlebbar zu machen.
Die Zukunft heißt Entdecken
Greg Lambrecht sieht genau darin die Zukunft der Weinwelt. Viele Menschen hätten heute Angst, im Restaurant die falsche Flasche zu bestellen. Glasweise angebotene Spitzenweine nehmen diese Unsicherheit. Wer nur ein Glas probiert, geht kein großes finanzielles Risiko ein – und entdeckt oft völlig neue Lieblingsweine. Internationale Untersuchungen mit Restaurants hätten zudem gezeigt, dass umfangreiche Weinangebote glasweise nicht nur den Umsatz steigern, sondern gleichzeitig den Ausschank hochwertiger Weine fördern und Verluste durch geöffnete Flaschen nahezu eliminieren. Lambrecht beschreibt seine Vision mit einem überraschenden Vergleich: „Ich möchte das Spotify des Weins schaffen.“ Nicht mehr ganze „Alben“ in Form einzelner Flaschen sollen den Genuss bestimmen, sondern individuelle Playlists – zusammengestellt aus Regionen, Rebsorten und Jahrgängen, ganz nach persönlicher Neugier.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Revolution von Coravin: Nicht das Konservieren von Wein, sondern das Öffnen neuer Möglichkeiten. Für Sommeliers. Für Restaurants. Und vor allem für alle, die Wein nicht sammeln, sondern erleben möchten.
Weitere Informationen: coravin.de




















