Im eleganten Ambiente des Matsuhisa im Mandarin Oriental Munich zwischen filigran angerichtetem Sushi und urbaner Noblesse werden an diesem Mittag keine Sake-Variationen eingeschenkt, sondern charakterstarke Weine aus Südtirol. Alexandra Erlacher führt durch die Degustation der Cantina Andrian und nimmt die Gäste mit auf eine Reise nach Südtirol, genauer gesagt nach Andrian: in die Heimat einer der spannendsten Kellereien der Region.
Die älteste Genossenschaft mit bewegter Geschichte
Die Cantina Andrian ist nicht nur irgendein Weingut, sie ist ein historisches Fundament des Südtiroler Weinbaus. Gegründet im Jahr 1893, gilt sie als älteste Winzergenossenschaft Südtirols und sogar der ehemaligen österreichisch-ungarischen Donaumonarchie. Schon früh wurde hier Weinbau gemeinschaftlich gedacht, eine Vision, die bis heute trägt. Doch die Geschichte verlief nicht immer geradlinig. Nach einer Phase großer Bekanntheit geriet die Kellerei durch strategische Fehlentscheidungen ins Hintertreffen. Der Fokus auf Direktverkauf statt Markenaufbau ließ die Weine von den internationalen Karten verschwinden. Erst der Zusammenschluss mit der Kellerei Terlan im Jahr 2008 brachte die Wende. Heute agieren beide Häuser unter einem Dach – jedoch bewusst mit zwei eigenständigen Identitäten. Der Grund liegt im Terroir.

Zwei Talseiten, zwei Charaktere
Nur vier Kilometer Luftlinie trennen Andrian und Terlan – und doch könnten die Bedingungen kaum unterschiedlicher sein. Während Terlan für seine vulkanischen Böden bekannt ist, prägen in Andrian kalkhaltige Lehmböden mit Dolomitgestein das Bild. Dazu kommt ein kühleres Mikroklima: Morgensonne, früher Schattenwurf durch den Gantkofel und kühle Fallwinde sorgen dafür, dass die Trauben hier bis zu zwei Wochen später reifen. Das Ergebnis sind Weine mit einer ganz eigenen Handschrift: frisch, präzise, elegant und gleichzeitig mit erstaunlicher Tiefe.

Chardonnay und Sauvignon – die weißen Leitstars
Die Degustation beginnt mit der klassischen Linie – zugänglich, aber alles andere als simpel. Der Chardonnay „Somereto“ zeigt exemplarisch, wofür Andrian steht: Ausbau im Stahltank, aber mit intensivem Hefekontakt durch Batonnage. Das Ergebnis ist ein Wein mit feinem Schmelz, saftiger Frische und bemerkenswerter Trinkigkeit. Der Kalkboden verleiht ihm eine offene, einladende Stilistik. Der Sauvignon „Floreado“ hingegen ist der Inbegriff eines Sommerweins: floral, lebendig, leichtfüßig. Ein Wein für die Terrasse – unkompliziert, aber mit Charakter.
Mit der Selektionslinie wird es komplexer. Der Sauvignon Blanc „Andrius“, benannt nach dem historischen Namen des Dorfes, stammt von älteren Reben mit geringeren Erträgen. Teilweise im Holz ausgebaut, verbindet er Struktur mit Eleganz. Besonders spannend zeigt sich hier die Reifefähigkeit: Ein gereifter Jahrgang wie 2019 überrascht mit Frische, Tiefe und Balance.

Doran – der große Chardonnay aus Andrian
Ein Höhepunkt der Verkostung ist der Chardonnay Riserva „Doran“. Er steht sinnbildlich für die Neuausrichtung der Kellerei nach 2008: weg vom Massenwein, hin zu charakterstarken Spitzengewächsen. 100 % im Tonneau vergoren und gereift, mit langer Hefelagerung, zeigt der Doran eine beeindruckende Balance zwischen Kraft und Eleganz. Trotz Holzeinsatz bleibt er nie schwerfällig – vielmehr animiert er mit seiner Frische und Struktur zum nächsten Schluck. Der Vergleich verschiedener Jahrgänge macht deutlich: Dieser Wein besitzt großes Reifepotenzial. Mit den Jahren gewinnt er an Tiefe, ohne seine Spannung zu verlieren.
Lagrein – die autochthone Kraft Südtirols
Im Rotweinbereich darf eine Rebsorte nicht fehlen: Lagrein. Lange unterschätzt, erlebt sie heute eine Renaissance, nicht zuletzt dank Pionierarbeit aus Andrian. Der Lagrein Riserva „Tor di Lupo“ zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial in dieser autochthonen Sorte steckt. Alte Reben, geringe Erträge und warme Lagen in Bozen-Gries liefern die Basis für einen Wein von enormer Dichte. Dunkle Beeren, Schokolade, Veilchen und würzige Noten prägen das Aromabild. Am Gaumen zeigt sich der Lagrein kraftvoll, aber kontrolliert mit Länge und Struktur. Ein Wein, der nicht nur beeindruckt, sondern auch hervorragend reifen kann.
Merlot mit alpiner Frische
Überraschend eigenständig präsentiert sich der Merlot „Gant“. Obwohl international verbreitet, erhält er in Andrian eine unverwechselbare Prägung. Alte Reben in wärmeren Lagen treffen hier auf das kühle Mikroklima des Gantkofels. Das Ergebnis ist ein Merlot mit klassischer Frucht. Cassis, Brombeere kombiniert mit einer frischen, fast alpinen Eleganz. In Blindverkostungen wurde dieser Wein bereits mit deutlich teureren Ikonen verwechselt – ein Beleg für seine Qualität und Eigenständigkeit.
Juwel im Glas: der Passito „Juwelo“
Den Abschluss bildet ein Süßwein, der seinem Namen alle Ehre macht: der Gewürztraminer Passito „Juwelo“. Die Trauben trocknen direkt am Stock, werden spät gelesen und aufwendig verarbeitet. Das Ergebnis ist ein konzentrierter Wein mit Aromen von getrockneten Früchten, Honig und Nüssen. Entscheidend ist jedoch die Balance: Trotz hoher Restsüße sorgt eine lebendige Säure für Frische und Eleganz. Besonders in Kombination mit gereiftem Käse entfaltet der Juwelo seine ganze Klasse.

Cantina Andrian: Qualität aus der Genossenschaft
Was die Cantina Andrian besonders macht, ist ihr genossenschaftliches Modell und dessen kompromisslose Umsetzung. Strenge Qualitätskontrollen, ein ausgeklügeltes Punktesystem für die Winzer und enge Betreuung durch Agronomen sorgen dafür, dass jede Traube höchsten Ansprüchen genügt. In einer Region, in der viele Betriebe nur Kleinstparzellen bewirtschaften, ist diese Struktur der Schlüssel zum Erfolg. Die Weine der Cantina Andrian zeigen wahrlich wie spannend Südtirol als Weinregion ist: klein in der Fläche, aber groß im Ausdruck.
Alle weiteren Informationen unter: kellerei-andrian.com





















