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Hannelore Kiethe – Die Gründerin der Münchner Tafel im Gespräch worldsoffood.de; Hannelore Kiethe (li.) mit Ilse Aigner

Hannelore Kiethe – Die Gründerin der Münchner Tafel im Gespräch

Die Tafeln geben deutschlandweit Lebensmittelspenden der Industrie an Bedürftige weiter. Sie haben sich inzwischen etabliert. Mehr noch als das, erleben sie in unserem vergleichsweise reichen Land doch immer mehr Zulauf an Menschen, die auf kostenlose Lebensmittel angewiesen sind. Hannelore Kiethe, vor 18 Jahren Mitbegründerin der Münchner Tafel, kämpft noch heute leidenschaftlich dafür, diese zu versorgen. worlds of food sprach mit ihr über die wichtige Aufgabe der Tafel.

worlds of food: Frau Kiethe, in einer Stadt wie München leben laut offiziellem Armutsbericht von 2010 über 200.000 Menschen in Armut…
Hannelore Kiethe: Als wir uns 1994 gründeten, gingen die Themen München und Armut wirklich überhaupt nicht zusammen. München gilt bis heute gemeinhin als reich und schick. Jedoch gab und gibt es auch hier Armut. München ist die erste Stadt, die einen offiziellen Armutsbericht eingeführt hat. Ich finde es gut, wie sich die Stadtoberen mit diesem Thema auseinandersetzen. Vor allem Oberbürgermeister Ude gilt da mein Dank. Noch dazu hat München den Sozialhilfesatz von sich aus erhöht, ist also eigentlich eine großzügige Stadt. Die Zahlen an sich sind natürlich erschreckend und wir können auch „nur“ 18.000 Menschen versorgen. Diese 18.000 haben die Hemmschwelle überwunden, überhaupt zu uns zu kommen. Das sind alles Menschen, die nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, Menschen die außenvor stehen.

worlds of food: Wie kamen Sie denn auf die Idee, die Münchner Tafel zu gründen? Das ist doch ein großer Entschluss mit weitreichenden Folgen, die sicherlich bis in den persönlichen Bereich hineingehen.
Hannelore Kiethe: Allerdings. Und das nun schon seit 18 Jahren. Da braucht man eine Familie, die dahinter steht. Der Verlauf war aber ganz klassisch. Die Kinder waren irgendwann aus dem Haus und dann überlegt man sich, wie man sich wieder ins Berufsleben einbringen kann? Jedoch wollte ich etwas wirklich Sinnvolles machen. Im Freundeskreis bekamen wir schließlich den Anstoß durch einen Fernsehbericht über die Berliner Tafel. Das war 1993. Vielleicht bekommen wir das auch für München hin, dachten wir uns. Damit begann ein recht mühsamer Weg. Wir begannen ja bei null, wussten überhaupt nicht, an wen wir uns wenden mussten, wie wir die Verteilung von Lebensmitteln organisieren und wo wir diese überhaupt herbekommen sollten. Jedoch macht Gestalten und Aufbauen ja auch Spaß, vor allem, wenn man anderen Menschen damit helfen kann. Wir haben dann relativ früh und trotz aller anfänglichen Bescheidenheit eine Pressekonferenz einberufen, die zu einem ersten Teilerfolg führte: nämlich zu plötzlicher Bekanntheit unserer Idee.

worlds of food: Sind Sie in den Anfangszeiten auch noch selbst mit dem Wagen herumgefahren und haben Lebensmittelspenden gesammelt?
Hannelore Kiethe: Ja natürlich, lange Zeit. Mit dem privaten Wagen. So, wie das heute auch noch viele unserer ehrenamtlichen Helfer tun. Nachdem wir zu Beginn nur soziale Einrichtungen beliefert haben, wollten wir aber mehr. Wir wollten an die versteckte Armut heran. Über den Kontakt zu einem Pfarrer im Stadtteil Hasenbergl organisierten wir eine erste Verteilstelle. Inzwischen hatten wir einen Kleintransporter im Einsatz und ich, die ich nie zuvor mit so einem großen Wagen unterwegs war, bin durch den Schnee zu unserer ersten Verteilstelle gefahren. Einzige Helferin war eine im Rollstuhl sitzende Dame, die sich für die gute Sache aufopferte. Das war schon sehr aufregend und die ersten Gäste konnten es auch gar nicht recht glauben, dass ihnen jemand umsonst Lebensmittel brachte. Inzwischen haben wir 24 dieser Stellen.

kietheHannelore Kietheworlds of food: Wer waren und sind denn ihre wichtigsten Partner?
Hannelore Kiethe: Mit Sicherheit die Stadt München, die uns von Anfang an unterstützte. Man stellte uns von Anfang an ein kleines Gelände auf dem Münchner Großmarkt zur Verfügung. Eine Kooperation die bis heute Bestand hat. Für die bis heute immer zuvorkommende Behandlung seitens des Großmarktes kann ich mich wirklich nur bedanken. Zum anderen war es damals die Presse, die Interesse an unserer Idee hatte. Das half uns weiterhin bei der Suche nach den Sponsoren, die uns letztlich Spenden und die Lebensmittel zur Verfügung stellen. Das Vertrauen dieser Sponsoren mussten wir uns anfangs natürlich erst verdienen, was uns aber Schritt für Schritt gelungen ist. Leicht war das aber nicht, da hieß es immer wieder: „Wenden Sie sich in unserem Hochsteuerland doch an die Kommune oder den Staat für die nötige Unterstützung“. Sinnigerweise war dann auch unser erster Großsponsor eine amerikanische Bank, die uns nun seit all den Jahren unterstützt. Das schaffte Vertrauen und sorgte auch für eine Eigendynamik, sodass mittlerweile zahlreiche Unternehmen von sich aus auf uns zukommen und zu unseren Sponsoren gehören möchten. So zählen inzwischen alle großen Supermarkt- und Discounterketten wie auch kleinere Geschäfte und Lebensmittelproduzenten dazu. Aber auch mit dem Roten Kreuz und den Johannitern pflegen wir langjährige und gut funktionierende Partnerschaften, ergänzen uns in unseren Aufgaben.

Genauso dankbar – und das ist doch klar – sind wir aber unseren ehrenamtlichen Helfern, die bei jedem Wetter an den Verteilstellen stehen und hart arbeiten! Wir haben das große Glück, dass diese uns inzwischen in hoher Zahl zulaufen. Und sie decken ein breites Spektrum ab. Von Hausfrauen oder Hausmännern bis hin zu emeritierten Professoren – alle wollen helfen, etwas Sinnvolles tun. Und die Arbeit macht Ihnen Freude. Was kann auch schöner sein, als anderen zu helfen.

worlds of food: Welche Kriterien muss man denn erfüllen, um Lebensmittel von der Münchner Tafel zu erhalten?
Hannelore Kiethe: Konkrete Voraussetzung ist ein Berechtigungsschein den wir ausstellen. Um den Ausweis zu erhalten, muss der Nachweis der Bedürftigkeit erbracht werden, d.h. die Auflagen gemäß der „Hartz-IV“-Gesetze oder dem Sozialgesetzbuch II müssen erfüllt sein. Das überprüfen wir ständig, um Missbrauch zu verhindern. Zu uns kommen Menschen mit ganz schlimmen Schicksalen. Da sollte man vorsichtig sein mit solchen Urteilen wie, warum unsere Gäste nicht arbeiten oder nichts gegen ihre Armut unternehmen. Das bekommen wir schon immer mal zu hören. Unsere Gäste berichten uns aber aus ihrem Leben, schildern uns, warum sie auf uns angewiesen sind. Wir haben Härtefälle, die hier im Büro vorstellig werden, die seit Tagen nichts mehr gegessen haben. Sie sagen uns aber auch, dass sie das nicht gerne tun, sich bei uns in die Schlange einzureihen. Leider geht es eben nicht anders.

worlds of food: Sie sprechen von Gästen, nicht von Kunden oder Bedürftigen?
Hannelore Kiethe: Das kann ich Ihnen erklären. Wir nennen unsere Schützlinge in der Tat Gäste, denn ein Gast ist uns jederzeit willkommen. Dann muss man sich aber auch benehmen wie ein Gast. Wir teilen ja auch die Regeln schriftlich aus, wie man sich bei uns verhalten soll. Wenn jemand dagegen verstößt, können wir als Gastgeber dann aber auch im Umkehrschluss sagen: Es tut uns leid, aber es geht nicht mehr. Das ist eine bewährte Lösung.

worlds of food: Und welche Kriterien müssen die Lebensmittel erfüllen, die die Münchner Tafel verteilt?
Hannelore Kiethe: Wir bekommen Ware die vom Supermarkt aussortiert wird, die nicht mehr verkauft werden kann...

worlds of food: …aus marktstrategischen Gründen, die nicht immer sinnvoll erscheinen, wohlgemerkt.
Hannelore Kiethe: Das mag sein, aber einer unserer Grundsätze ist es, das wir nur Ware an unsere Gäste weitergeben die ihnen würdig ist. Ware, die Sie und ich auch noch essen würden. Früher wurde uns da schon mal abgelaufene Ware angeboten. Die kann man zwar noch essen, kein Thema, allerdings nehmen wir das nicht an. Und die Sponsoren verstehen das, denn das ist mit der Würde unserer Gäste begründet.

worlds of food: Ist denn das Aussortieren von verdorbener Ware hinter dem Supermarkt für Ihre Mitarbeiter würdig? Auf der Tour mit einem Ihrer Fahrer habe ich genau das erlebt. Und auch, wie kaputte Sahnebecher über den für Sie bestimmten Lebensmitteln lagen und ihren Inhalt darüber vergossen. Das torpediert Ihre Arbeit doch in gewisser Weise.
Hannelore Kiethe: Das stimmt natürlich, so soll es nun nicht laufen. Allerdings sind wir allen Supermärkten primär sehr dankbar, dass sie uns unterstützen. Hin und wieder kann da so etwas schon einmal vorkommen. Aber unsere Fahrer und Abholer sind auch verpflichtet, uns solche Vorfälle zu melden, denn wir haben ein so gutes Verhältnis zu unseren Sponsoren, dass man das auch klären und beheben kann. Das müssen wir dann auch, denn wir laufen offiziell als Lebensmittelunternehmen und unterliegen dadurch selbst ganz strengen Auflagen. Deshalb sortieren wir unbrauchbare Ware auch aus und müssen solche Vorkommnisse unseren Sponsoren gegenüber rigoros ansprechen. Aber das zeigt doch eindrucksvoll, mit welchen Schwierigkeiten wir immer wieder konfrontiert sind.

worlds of food: Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie im Alltag noch zu kämpfen?
Hannelore Kiethe: Wir dürfen uns natürlich keine Fehler erlauben. Weder im Umgang mit unseren Helfern, noch mit den Sponsoren, oder aber beim Datenschutz. Ich wundere mich selbst, wie viele Anpassungen wir immer wieder vornehmen müssen, auch wenn wir gerade denken: Jetzt läuft der Laden. Inzwischen haben wir selbst uns sogar einen erfahren Controller auferlegt, der uns toll unterstützt. Er schützt uns auch vor Betriebsblindheit. Und wir sind wirklich streng in der Kontrolle derer, die wir versorgen. Das macht viel Arbeit, muss aber sein, sonst würde man uns und unsere Arbeit permanent in Frage stellen. Wir sind als mildtätiger Verein eingetragen und das ist ein sehr hohes Gut. Da müssen wir ganz sorgfältig arbeiten, sonst kann uns dieser Status auch genommen werden. Zudem sehen wir uns auch als Treuhänder unserer Sponsoren. Wir bekommen deren Ware einzig für den Zweck überlassen, dass wir sie an bedürftige Menschen weitergeben.

worlds of food: Insgesamt werden zu viele Lebensmittel in Deutschland sinnlos verschwendet. Vor einigen Wochen begrüßten Sie Bundesernährungsministerin Ilse Aigner an einer Ihrer Ausgabestellen. Ihrer Meinung nach sei der Verbraucher daran schuld, dass der Handel Ware aussortiert, die eigentlich noch zu verzehren ist. Einfach nur deshalb, weil die Banane nicht mehr perfekt aussehe oder eine Gurke zu krumm sei. Liegen Frau Aigners Interessen zu sehr auf Seiten des Handels?

Hanneloreaigner kietheHannelore Kiethe (li.) und Ilse Aigner Kiethe: Da haben Sie natürlich Recht, dieser Eindruck kann entstehen. Allerdings ist der Verbraucher ja auch regelrecht dazu erzogen worden. Die Regelung, dass keine krummen Gurken in den Handel dürfen stammt ja aus Brüssel. Dann muss man sich ja nicht mehr wundern, dass der Kunde irgendwann keine krummen Gurken mehr kauft. 

worlds of food: Aber genau da muss dann doch die Politik einschreiten, um offensichtliche Fehler des Handels oder unsinnige Beschlüsse zu Gunsten der gesamten Bevölkerung zu verhindern. Marktwirtschaft allein rechtfertigt doch keine Verschwendung in dem Maße, wie sie im deutschen oder europäischen Handel vor sich geht. Sehen Sie eine Möglichkeit, dass sich beim Umgang mit Lebensmitteln etwas tut?


Hannelore Kiethe: Ich bleibe dabei, inzwischen ist es leider soweit, dass der Kunde so denkt. Der Fehler wurde gemacht. Ich glaube leider auch nicht, dass sich daran etwas ändern wird. Schon gar nicht durch die Gesetzgebung. Wir haben allerdings in unserer Satzung stehen, dass wir uns nicht in die Politik einmischen. Das einzige was wir wirklich tun können, ist weiterhin Aufklärungsarbeit in diesem Bereich zu leisten. Natürlich freuen wir uns aber, wenn vernünftige Dinge beschlossen werden. Immerhin hat das Bundesministerium für Ernährung nun einen Leitfaden für die Weitergabe von Lebensmitteln an soziale Einrichtungen herausgegeben, um dies zu erleichtern. Das ist ein guter Anfang.

Aber – und das muss ich an dieser Stelle ganz deutlich sagen – es landen noch immer zu viele dieser nicht-verkäuflichen Lebensmittel grundlos im Müll. Warum wird da nicht an die Tafel gedacht. Wir sind da. Wir nehmen krumme Gurken und zu kleine Kartoffeln. Wir sind dankbar dafür und unsere Gäste erst recht.

worlds of food: Ihre Arbeit wirkt ein wenig wie ein Kampf gegen die berühmten Windmühlen, auch wenn Sie bereits große Erfolge errungen haben.
Hannelore Kiethe: Das ist sicherlich so. Deshalb noch einmal und in aller Deutlichkeit: Es gibt die Münchner Tafel und die anderen Tafeln in ganz Deutschland. Und es gibt in jedem Betrieb noch immer Überproduktionen. Diese werden entsorgt, dabei könnten wir sie sachgerecht abholen, transportieren und verteilen. Menschen damit glücklich machen. Einmal war ich auf solch einer Entsorgungsstelle wo die Lebensmittel, die nicht verkauft werden, landen. Konservendosen, Gemüse, Obst. Was, und in welchen Mengen, dort entsorgt wurde konnte ich nicht fassen. Am liebsten hätte ich direkt alles eingepackt. Noch dazu werden die Kosten für die Entsorgung auf die gesamte Produktion umgelegt. Dieser Irrsinn, die Entsorgung der Überproduktion, wird  also auch für den Verbraucher im Geldbeutel spürbar. Die Alternative wäre, die Überproduktion uns zu spenden. Und wir können dafür sogar eine Spendenquittung ausstellen. Diese Groß-Produzenten müssen wir erreichen. Wir könnten also noch so viel mehr Freude bereiten, ganz elementar, nämlich mit Lebensmitteln. Denn, Essen muss doch jeder!

worlds of food: Dieser flammende Appell erfolgt sicherlich auch in Hinblick auf die Zukunft? Einfacher wird es nicht, berichtete mir doch ihr Vorstandskollege Peter Poertzel, dass allein die anstehende Erhöhung der Stromkosten ein großes Problem für viele Ihrer Gäste wird.
Hannelore Kiethe: Das ist richtig. Was glauben Sie, wie oft wir, wenn wir etwas zum Aufbacken austeilen, von unseren Gästen zu hören bekommen, dass ihnen der Strom abgestellt wurde? Sie haben keinen Herd oder Ofen mehr. Zudem bekommen wir ganz massiv die zunehmende Altersarmut zu spüren und auch die Gruppe der alleinerziehenden Mütter und Väter nimmt stark zu. Dabei steht aber die gesamte Gesellschaft vor einer großen Aufgabe, da appelliere ich an die Solidarität aller.

Diese Entwicklungen zeigen uns aber auch, dass wir als Organisation so langsam an unsere Grenzen stoßen. Das muss ich leider so deutlich sagen. Wir wollen das was wir bis jetzt leisten, was wir uns als Münchner Tafel erarbeitet haben, in der bisherigen Qualität weiterführen. Diesem Grundsatz wollen wir treu bleiben.

worlds of food: Frau Kiethe, vielen Dank für Ihre Erfahrungen, an denen Sie uns teilhaben ließen und weiterhin viel Erfolg für Sie und Ihre vielen Helfer!

Hier geht es zu unserer Reportage über die Münchner Tafel:
Teil 1: Unterwegs mit der Münchner Tafel
Teil 2: Die Ausgabestellen der Münchner Tafel

Weitere Informationen finden Sie unter www.muenchner-tafel.de 

Dieser Beitrag stammt von und dem worldsoffood-Team