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Der Sturm im Wasserglas! Webers Kolumne Inka Meyer/ www.designee.de

Der Sturm im Wasserglas! Webers Kolumne

Ich sitze im piekfeinen Restaurant Kapinski im schönen St. Moritz. Weicher Kerzenschein durchflutet den Raum, über mir leuchten die Kristalllüster, und um meinen Teller glitzert mehr Besteckt als ein Chirurg für eine Herztransplantation benötigt. Ein eleganter Herr raunt mir mit servilem Tonfall ins Ohr: „Wollen Sie einen kleinen Aperitif?“

„Oh, nein, ich darf heute leider keinen Alkohol trinken!“
„Der Herr muss noch Auto fahren?“
„Nein zielen!“

Er versteht nichts, kaschiert das aber mit dem Pokerface eines Mannes, der seit Jahren Umgang mit Vollidioten aus der Oberschicht pflegt. „Gut, dann schicke ich ihnen den Wassersommelier!“ „Den, was…?“ Ein Mensch mit einer gigantischen azurblauen Fliege tritt auf, und bevor ich einschreiten kann, plappert er los wie ein Wasserfall: „Für das Krebs-Creme-Süppchen empfehle ich ein Glas Cave H2O, das ist ein leicht süßliches Wasser aus dem Weserbergland. Das Ragout vom tomatisierten Wildschwein verlangt eher nach einem kräftigen Wasser mit einer schönen Kohlensäure, z.B. Bling aus Tennessee. Und für das Mangosorbet würde eine Flasche Fiji-Wasser die nötige Exotik ins Spiel bringen. Doch selbstverständlich können Sie Ihr Wasser auch á la carte bestellen: Wir bieten 40 Wässer aus 18 Ländern an.“ Er reicht mir die Wasserkarte, und ich staune: Offensichtlich wird heute selbst Gänsewein im Eichenfass ausgebaut als Chateau de Gerolsheim verkauft. Mein Gott, was es alles gibt, zum Beispiel: „CLOUD JUICE – Regenwasser aus Tasmanien“. Was? Für 32 Euro die Flasche? Wie viel Wasser muss man eigentlich im Hirn haben, um auf die Idee zu kommen für 32 Euro Regenwasser zu kaufen? Doch in der nächsten Zeile wird es noch toller: „10 Thousand BC Premiumwasser – reinstes Gletscherwasser aus Kanada“. Dass in Zeiten der globalen Klimaerwärmung Gletscher schmelzen, ist eine Sache. Aber die verflossenen Eisberge dann noch im Nobelrestaurant zum Hummer zu servieren… Natürlich hätte ich jetzt nicht übel Lust, diesem aufgeblasenen Wicht seine Wasserkarte in den Hals zu rammen. Doch ich muss mich zurückhalten. Schließlich wurde ich nach meinem Artikel über „Nespresso“ von vielen Kommentatoren harsch gerügt: Ich würde lieber auf kleinen Angestellten rumhacken, anstatt den wirklichen Profiteuren des kapitalistischen Schweinesystems die Stirn zu bieten. So was kann ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Und deshalb bin ich hier: Das Kapinski soll das Lieblingsrestaurant von Peter Brabeck-Letmathe sein, dem Präsidenten des Verwaltungsrates von Nestlé. Und Nestlé ist Konzernmutter von Nespresso. Ich schaue mich also um…

Nestlé verdient übrigens auch ordentlich am Wasser, denn Wasser ist das Geschäft der Zukunft: Jährlich werden ca. 164 Milliarden Liter Wasser in Flaschen abgefüllt. Milliarden Umsätze schwemmt das kostbare Nass jährlich in die Kasse diverser Großunternehmen. Und „Nestlé Waters“ ist natürlich Marktführer – mit sage und schreibe 77 Wassermarken! Und genau so viele prallgefüllte Luftballons habe ich in meinem kleinen Rucksack unterm Tisch verstaut…

Ich blicke wieder in die Karte: „Biokristall. Ausgewogen mineralisiert. Natrium, Magnesium, Calcium, Lithium…“ Mein Gott, da wird ja bei jedem Schluck ein ganzes Periodensystem die Speiseröhre runtergespült. Früher sollte Wasser einfach nur den Durst stillen, aber heute ist es ein hochmodernes Lifestyle-Produkt. Denn Wasser ist Leben. Wasser ist Reinheit und Klarheit in einer schmutzigen und undurchsichtigen Welt. Wassertrinken hat eine geradezu spirituelle Dimension. Da entdecke ich in der Wasserkarte: „AQUA LUNA Vollmondabfüllung – das lebendige Wasser“. Bisher wies lebendiges Wasser doch eher auf das Vorhandensein von Mikroorganismen hin: Je lebendiger das Wasser, desto dünnflüssiger der Stuhl.

Auch wir Deutschen greifen immer häufiger zur Flasche. Dabei ist unser Leitungswasser von höchster Qualität: Laut Stiftungswarentest und dem Vergleich von Trinkwasser aus den Städten Berlin, Hamburg, Köln und München, fließen in manchen Regionen sogar mehr Mineralstoffe aus der Leitung als aus der Flasche. Und der Geschmack wies meist auch Unterschiede auf. Die plausible Begründung lautet: Oft ist das Wasser aus dem Hahn und das Wasser aus der Flasche ein und dasselbe Wasser. Nehmen wir mal Voss. Hier steht es: „Voss – Norwegisches Bergwasser. 19 Euro die Flasche.“ Angeblich soll Madonna in Voss sogar baden. Aber woher kommt dieses kostbare Fluidum? Glaubt man dem norwegischen Fernsehsender TV2, stammt es aus den städtischen Wasserwerken eines kleinen Ortes namens Iveland. Da sieht Madonna aber blass aus: Die Iveländer sind so dekadent, die spülen mit dem Edelwasser sogar ihre Fäkalien die Toilette runter. Doch so lässt sich selbst mit dem billigsten Discount-Wasser Badewannen voll Geld verdienen. Das einfachste Mineralwasser kostet im Supermarkt um die 20 Cent pro Liter. Bei einem durchschnittlichen Preis von 0,2 Cent pro Liter Leitungswasser… So entstehen hochprozentige Gewinne! Da kann man sich das Essen hier im Kapinksi natürlich leisten.

Das da drüben könnte Peter Brabeck-Letmathe sein – er taucht ja relativ oft in den Medien auf, wo er sich gerne als großer Pionier des globalen Wassergeschäfts inszeniert. Und einer seiner genialsten Einfälle war natürlich, Flaschenwasser in der Dritten Welt zu vermarkten. Denn diese Länder haben ja kein Wasser. Was natürlich völliger Quatsch ist: In dem pakistanischen Örtchen Bhati Dilwan zum Beispiel pumpt Nestlé täglich tausende von Litern Grundwasser ab. Und zwar mit so ungebremster Förderlaune, dass die Brunnen im Umland zu versiegen beginnen. Das ist natürlich doppelt gut: Unter dem Boden gewinnt man das Produkt, und oben schafft man sich dafür seine Kundschaft.

Wobei Nestlé sagt, wenn Pakistans Brunnen vertrockneten, läge das an den verschwenderischen Bewässerungsmethoden der pakistanischen Landwirtschaft. Unfassbar! Ein Großkonzern, der den Leuten in Pakistan mit millionenschweren Werbekampagnen einredet, sie müssten jetzt unbedingt Nestlé-Flaschenwasser saufen, dabei Millionen von Litern in die Städte karrt, wirft den Bauern auf dem Land vor, sie verschwendeten Wasser, um ihre Hand voll Hirse zu bauen. Erinnert mich alles ein bisschen an die Geschichte mit dem Milchpulver. In den Siebzigern hat Nestlé afrikanischen Müttern verklickert, die von ihnen produzierte Trockenmilch sei für das Stillen ihrer Kinder viel besser wie die undefinierbare Plörre, die da aus der mütterlichen Brust schießt. Ergebnis: Tausende von Kinder sind gestorben, weil die Mütter verunreinigtes Wasser benutzt haben. O.k., sauberes Wasser haben die Afrikaner ja jetzt. Nicht aus dem Brunnen, aber aus der Flasche. Eine Flasche Nestlé-Wasser kostet in Nigeria ungefähr so viel wie ein Liter Benzin. Aber wer sich das nicht leisten kann, sollte auch keine Kinder bekommen. Jetzt steigt es mir langsam sauer die Speiseröhre hoch.

Ich erinnere mich an meine Mission. Ich bin mir sicher, dass der Mann da drüben Brabeck ist und werde nervös. Bevor mir die Idee mit den Luftballons kam, wollte ich dem „Chairman of the Board of Nestlé“-Chef einfach nur den Hintern versohlen. Aber das wäre mir dann von meiner Leserschaft wieder als ein Akt sinnloser Gewalt ausgelegt worden. Dabei dachte ich eher an eine rein pädagogische Maßnahme: Zwar verabscheue ich körperliche Züchtigung in der Kindererziehung, aber ich kenne keinen Spitzenmanager eines transatlantischen Konzerns, dem ein kleiner Klaps auf den Po irgendwie geschadet hätte. Vor allem nicht nach Brabecks letztem Interview in der ZEIT. Da hat der Mann sich sogar zum Umweltexperten aufgeschwungen: Es wäre nicht bewiesen, dass tatsächlich der Kohlendioxidausstoß für die Klimaerwärmung verantwortlich sei – Klimaveränderungen gäbe es schon immer. „Grönland“ komme von „Grünland“, weil es früher mal grün war. Heute sei da nur noch Eis und Ödnis... Ob Nestlé da schon länger sein Unwesen treibt? Aber recht hat er, der Herr Brabeck, denn andernfalls müsste man ja zugeben, dass Leitungswasser in Flaschen abfüllen und um die Welt schippern einem ökologischen Selbstmordattentat gleichkommt. Vor allem wenn die Flaschen auch noch aus Plastik sind. Laut einer Studie des Institutes ESU-Services in Zürich verbraucht die Plastikverpackung tausendmal mehr Energie als Wasser aus der Leitung. Für die Herstellung der PET-Flasche werden zirka 94ml Erdöl verbraucht. Für Flaschenspülung, Etikettierung und Verpackung kommen noch mal 13ml Erdöl hinzu. Wenn das Wasser innerhalb eines Umkreises von 50km verkauft wird, erhöht sich das Ganze erneut, und zwar um 4,9ml Erdöl. Wird das Wasser in fernere Länder transportiert, addieren sich pro 1000 Kilometer 97ml hinzu. Das heißt, wenn ein Liter Wasser mit dem LKW aus dem 16000 Kilometer entfernten Fiji hier her gefahren wird, verbraucht das fast zwei Liter Erdöl. Und wenn man mal wirklich willens ist, sinnlos CO2 in die Atmosphäre zu blasen, findet man auch einen Landweg von Fiji nach St. Moritz.

Und das ist noch nicht das Ende vom Lied, denn irgendwo müssen die leeren Flaschen ja hin. Und was bietet sich da an? Richtig, in den USA landen jährlich 38 Milliarden Plastikflaschen einfach im Müll! Jetzt höre ich viele aufschreien: „Kommt der Weber wieder mit dem Thema Müll an. Dürfen wir jetzt gar nichts mehr konsumieren? Sollen wir Menschen zurück in die Höhlen kriechen und Felswasser von den Wänden lecken?“ Nein, ich weiß schon, Müll ist Teil der menschlichen Existenz, Leben heißt Müll produzieren. Wir werden irgendwann selbst zu Müll und landen auf dem großen Komposthaufen, der sich Mutter Natur schimpft. Ich bin mir meiner eigenen mülligen Sündhaftigkeit vollkommen bewusst. Mein ökologischer Fußabdruck ist ein fester Tritt in den Arsch dieses Planeten.

Aber trotzdem wird man doch Protest einlegen dürfen, wenn man feststellt, dass Müll produzieren heute als globaler Volkssport betrieben wird. In Deutschland werden immerhin 30% der PET-Flaschen recycelt. Das heißt, Sie werden geschreddert, zu 50% mit frischem Plastik vermengt, eingeschmolzen und zu neuen Flaschen gegossen. Der Rest der leeren Flaschen wird thermisch verwertet, also verbrannt. Oder anderweitig biologisch gelagert, also weggeworfen. Laut Umweltschutzorganisation Oceana landen jede Stunde rund 340 Tonnen Plastikmüll im Meer. Es sollen Kunststoffteppiche von der Größe Nordeuropas im Pazifik treiben. 90% aller toten Eissturmvögel auf den Färöer-Inseln haben Plastik im Bauch. Im Durchschnitt finden sich 44 Plastikteile pro Tier! Untersucht man unsere Nordseevögel genauer, sind sie aus Sicht ihrer chemischen Zusammensetzung mittlerweile eher Quietscheentchen. Albatrosse scheinen richtige Plastik-Messies zu sein und rote Flaschenverschlüsse mit Krebsen zu verwechseln. Krebse? Ich schaue auf meine Suppe. Ein Zucken blitzt durch meine linke Gesichtshälfte, es beginnt wieder: Oh, mein Gott, der Gutmensch bricht in mir hoch. Da ist er, der Mr. Hyde in der hässlichen Fratze des Ökostalinisten. Weltverbesserungs-Impulse schütteln meinen Körper wie Elektroschocks. Ich springe auf und brülle: „Rache für die Möwe Jonathan!“

Und so fliegt der erste Ballon auf Peter Brabeck-Letmathe zu. Das Geschoss zerplatzt an seiner Schulter und schon sitzt der Wasser-Visionär in einer bunten Wolke von PET-Granulat. Ich rufe: „Ich wollte ihnen meine Flasche zurückgeben!“ Ein weiteres Geschoß trifft ihn an der Stirn. Myriaden von Partikelchen ergießen sich in sein Krebscremesüppchen. Ich mache weiter: „Genau so fühlen sich Albatrosse! Wie viel Plastik können Sie schlucken?“ Der dritte Wurf zieht sehr nach rechts und erwischt den Hinterkopf eines kleinen Jungen, der von der Wucht des Projektils, mit dem Gesicht in sein Mangosorbet gestoßen wird. Ich entschuldige mich: „Sorry, Kleiner, aber ich mach das auch für deine Generation!“ Ich arbeite unbeirrt meine 77 PET-Granaten ab. Im Kapinski regnet es jetzt Plastik. Überall Schreie, umfallende Stühle, Panik und Chaos. Und dazwischen das helle Klimpern der Kunststoffkügelchen auf dem Holzparkett. So macht Recycling richtig Spaß!

Und dieser Versuchung kann ich nicht widerstehen: Der vorletzte Ballon ist dann doch für den Wassersommelier bestimmt. Tut mir leid, aber Menschen, die in feinen Anzügen in klimatisierten mit Teakholz verkleideten Räumen Lifestyle-Müll an reiche Deppen verkaufen, sind keine Opfer! Und Konsumenten, die den Scheißdreck kaufen, sind es auch nicht. So nehme ich dann den letzten Ballon und lasse ihn mit voller Wucht an meinem eigenen Schädel zerplatzen.

Stille. Das ist der Schock. Der Schock, wenn das gewohnte Gefüge der Welt plötzlich zusammengebrochen ist. Das Einzige, das zu vernehmen ist, sind meine Schritte unter dem knirschenden Plastik: „So Herr Peter Brabeck-Letmathe, wie gefällt Ihnen das?“ Stille. Das ist die Scham. Die Scham, von einer übergeordneten Instanz die gerechte Strafe erhalten zu haben. Eine zittrige Stimme erhebt sich aus dem Berg von Mobiliar, Tischdecken, Scherben und Essensresten: „Ich bin doch gar nicht Peter Brabeck-Letmathe!“ Erneut Stille. Das ist das Bewusstsein. Das Bewusstsein gerade etwas unfassbar Dämliches getan zu haben. „Ich bin Kommunikationsmanager bei Danone!“ Ich frage: „Danone? Danone Waters? Evian und Volvic?“ „Genau!“ Ich seufze, dann ist ja gut!
Ich verlasse das Kapinski in Handschellen. „It’s a dirty job, but someone’s gotta do it!“

TIPP: Sehenswert zu diesem Thema ist der Film „Bottled Life“

Und damit Ihr nicht lang suchen müsst, hier geht’s zur Gegendarstellung von Nestlé

Zur Person
weberPhilipp Weber ist nicht nur ein hochtalentierter Kabarettist, er ist auch studierter Chemiker. Und mit dieser Doppelbegabung hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Verbraucherschutz zur humoristischen Kunstform zu erheben. Denn lange vor Renate Künast hat Philipp Weber die politische Dimension von Essen erkannt. Sein neues Programm „Futter“ (Hier geht es zum Tour-Plan) ist, wie er selber meint, eine satirische Magenspiegelung der Gesellschaft. Da er nach seinen Vorstellungen immer wieder von Zuschauern angesprochen wurde, begann er, seine aktuellen Beobachtungen zum Thema Essen in seinem "Futterblog" zu dokumentieren.


Dieser Beitrag stammt von und dem worldsoffood-Team