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Blasen im Hirn – Tee im Bauch! Webers Kolumne Inka Meyer/ www.designee.de

Blasen im Hirn – Tee im Bauch! Webers Kolumne

Kabarettist Philipp Weber schlägt wieder mal zu: Diesmal hat er es – zurecht wie wir finden – auf den zuckerreichen Bubble Tea abgesehen und bedauert, dass es noch keinen Impfstoff gegen den derzeitigen Epidemie-artigen Siegeszug dieses Getränkes gibt.

Mein Gott ist mir schlecht. Mir ist so schlecht. Mein Herz rast. Meine Kopfhaut kribbelt. Meine Knie zittern. Vor meinen Augen tanzen Glühwürmchen. Das ist also ein hyperglykämischer Schock?! Während meine Bauchspeicheldrüse verzweifelt Insulin ins Blut spuckt, rollt unaufhaltsam eine Sturmfront von Zuckermolekülen durch meinen Körper. Komisch, meiner Nichte geht es prima. Obwohl sie das Zeug auch getrunken hat. Ich rede von „Bubble Tea.“ Das Gesöff kommt aus Taiwan und verbreitet sich gerade schneller über Europa als die asiatische Grippe. Nur dass es gegen Bubble Tea noch keinen Impfstoff gibt. Doch Bubble Tea ist das Trendgetränk des Jahres. Sozusagen in aller Munde. Oder besser aller Mägen. Wobei ich es gerade sehr schwierig finde, das Zeug in diesem Organ zu behalten.

Als ich zum ersten Mal davon gelesen habe, dachte ich mir: „Was der Lifestyle für seltsame Kapriolen schlägt. Blasentee-Trinken wird schick!“

Bubble Tea – das gefällt mir nicht. Ich bin kein Teetrinker. Vor allem Grüntee ist mir völlig suspekt. Unbehandelte Teeblätter!? Das heißt, sie sind voller Gerbstoffe, Bitterstoffe, Alkaloide… Grüntee ist hoch aggressiv, oder warum sehen Sozialpädagogen immer so fertig aus? Doch meine Nichte sagt, Bubble Tea ist ganz anders. Also, haben wir es probiert. Sie hatte einen kalten „greenapple greentea mit popping bobas peach ohne pearls“ und ich einen warmen „blackcurrant-blacktea mit popping bobas mango mit pearls“. Das glaube ich zumindest. Bei der Bestellung hab ich mich etwas dämlich angestellt. Wie demütigend: Da habe ich Chemie studiert und weiß wie man N-(4-methylsulfanyl-butyl)phthalimid kocht, aber bei Bubble Tea musste ich mir von meiner Nichte helfen lassen.

Es ist aber auch echt kompliziert: Erst darf man sich aussuchen, ob Grün- oder Schwarztee. Also, wenn man Glück hat... Wenn man Pech hat, muss man auch noch zwischen Milch, Joghurt und sogar Kaffee entscheiden. Danach wählt man einen aromatisierten Fruchtsirup aus. Es gibt eigentlich alles: Strawberry, Raspberry, Gooseberry, Pear, Melon, Cherry, Plum… Naja, wenigstens lernen die Kids auf diese Weise ein bisschen Englisch. Abschließend sucht man sich die „Toppings“ aus. Denn das ist das Besondere am Bubble Tea: Der Brechreiz wird gleich doppelt ausgelöst. Einerseits durch den Geschmack, andererseits durch viele kleine glitschige Kügelchen, die sich anfühlen, als würden viele kleine Kinderhände ihre Fingerchen tief in deinen Hals stecken. Zwei Sorten dieser „Toppings“ stehen zur Auswahl: Das eine sind Tapioka-Pearls. Kein Witz: TAPIOKA! Das gab es früher nur in sehr gut sortierten Reformkostläden. Aber nicht mal der durchgeknallteste Seitan-Seppl wäre auf die Idee gekommen, den auch noch in seinen Yogi-Tee reinzuhauen. Die Tapioka-Pearls schmecken eigentlich nach nichts. Aber das ist im Falle von Bubble Tea absolut positiv zu bewerten. Denn da gibt es noch die „Popping Bobas“. Das sind wabbelige Bällchen, gefüllt mit bonbonfarbigem Zuckerschleim. Sie flottieren in der Flüssigkeit, als hätte ein Frosch in den Becher gelaicht. Und beim Trinken? Stellen Sie sich einfach vor, wie ein riesiger Pickel auf ihrer Zunge zerplatzt! So ungefähr.... Auch hier gibt es von „A wie Ananas“ bis „Z wie Zink“ jede Geschmacksrichtung nach der das jugendliche Herz dürstet. Am Ende dieser ganzen Prozedur angekommen, wird man auch noch vor die Wahl gestellt, ob man das Ganze in heiß oder kalt serviert haben will. Die finale Krönung: Das Gesöff wird wie infektiöser Krankenhausabfall in Plastikbehältern luftdicht verschweißt. Fertig.

Auf diese Weise kann man hunderte Varianten von Bubble Teas mixen. Damit ist das Getränk ganz nah am Zeitgeist. Der moderne Mensch sehnt sich nach Freiheit und Selbstbestimmung. Der Konsument darf heute selbst entscheiden, wie er seiner Persönlichkeit entsprechend vergiftet werden will. Für mich ist das Ganze nur ein Zeichen der Verwahrlosung unserer Dienstleistungsgesellschaft. Es kann doch nicht sein, dass ich mir als Kunde jeden Furz selbst zusammensuchen soll. Ich muss nicht mit jedem Verkäufer ein zehnminütiges Gespräch führen, bis wir geklärt haben, ob die Milch für meinem Kaffee zunächst geschäumt, erhitzt, entfettet, aromatisiert, mit Zimt bestreut oder gar ganz durch Soja ersetzt werden soll. Irgendwann werden die Menschen die Hälfte ihres Lebens damit zugebracht haben, in Starbucks-Filialen ihre Getränke zu bestellen.

Die Wahlfreiheit treibt heute so surreale Blüten, dass mich ein verwirrter Angestellter kürzlich allen Ernstes gefragt hat, ob ich meinen „Coffee to go“ hier trinken oder mitnehmen will.

Doch das alles hat für die Hersteller von Bubble Tea einen großen Vorteil. Von Rechts wegen ist das Getränk nämlich als „lose Ware“ zu betrachten. Schließlich wird es ja erst unter den Augen des Käufers endgültig fertig gemixt. Für den Verbraucher allerdings hat das eine fatale Konsequenz: Die Inhaltstoffe des Getränks sind damit nur „vermindert deklarationspflichtig“. Egal, ob Konservierungsstoffe, Säuerungsmittel oder Stabilisatoren, sie müssen nicht extra angegeben werden. Schließlich mischt man sich seinen Schierlingsbecher selbst.

Und das ist ein globales Problem. Vor zwei Jahren hat die chinesische Regierung – die chinesische!!! – langjährige Haftstrafen gegen Angestellte der Firma Yu Sheng Chemical Co. verhängt, weil diese den Weichmacher DEHP in ihrem Erdbeersirup verwendeten. Das macht mir wirklich Angst. Denn sind wir mal ehrlich: Was chinesische Verbraucherschützer für gefährlich erachten, wird in anderen Ländern als chemischer Kampfstoff geächtet. Wobei man nicht behaupten kann, Bubble Tea gäbe vor, etwas zu sein, was es nicht ist. Natürlich ist in seinem Namen das Wort „Tee“ enthalten. Doch ich denke, dass ist eher als eine Art morbider Scherz seiner asiatischen Erfinder zu verstehen, der sich einfach dem mitteleuropäischen Humorverständnis entzieht. Denn alles an Bubble Tea sagt: „Ich bin künstlich. Ich bin so künstlich, dass dagegen die Künstlichkeit selbst natürlich scheint. Meine Farbe variiert von Cadmiumgelb bis Kobaltblau. Meine Konsistenz ist sowohl kaugummiartig als auch schmierfettig, als auch nasenschmodderglibbrig. Und wenn du mich trinkst, werden meine Fruchtaromen in deinen Neocortex fahren wie der Heilige Geist der Aromastoffe an Geschmackspfingsten! Ich bin von Kopf bis Fuß reine Chemie. Ihr Eltern werdet mich hassen, aber eure Kinder werden mich lieben.“ Und das liegt vor allem am Zucker. Den Bubble Tea ist süß: Sehr süß. Schmerzhaft süß. Gerade zu tödlich süß. Man hat das Gefühl, dass man beim Trinken von innen kandiert. Deswegen ist Bubble Tea vor allem bei Kindern und Jugendlichen beliebt. Bis zu 30 Würfelzucker sind in 200ml Tee aufgelöst. Aber das ist der älteste Trick der Lebensmittelindustrie: Wenn man etwas verkaufen will, muss man nur genug Zucker reinhauen. Vor allem wenn der Zielkonsument ein Kind ist. Wie macht man Molke, ein Abfallprodukt aus Milchindustrie, das man früher nur den Schweinen gegeben hat, zu einem hippen Sportgetränk? Die Antwort: Zucker. Wie scheffelt man mit gefärbter Gelatine Milliardengewinne? Zucker. Wie verkauft man an Kinder unter dem lustigen Namen Alkopops billigen Industriealkohol, den nicht mal der blindeste, ukrainische Schwarzbrenner saufen würde? Zucker. Kennen Sie das Lied aus dem Musical Mary Poppins? „Wenn ein Löffelchen voller Zucker bittere Medizin versüßt…“ Als Kind habe ich diese Frau geliebt. Heute weiß ich, die Schlampe war Lobbyistin der Lebensmittelindustrie!

Ich will den Zucker nicht verteufeln. Ein jegliches Ding ist Gift, allein die Menge macht es. Aber was der moderne Mensch heute an Zucker in sich reinschaufelt, ist nicht mehr normal: 34 Kilo reinen Industriezucker isst jeder Deutsche im Jahr. Uns müssten mittlerweile Zucker-Stalaktiten in den Stirnhöhlen wachsen. Doch zu viele Saccharide machen nicht nur dick, kariös und zuckerkrank, sondern auch noch doof. Das ergeben neueste Studien aus den USA. Wenn man Ratten sechs Wochen Zuckerlösung zu saufen gibt, verlieren sie ihre Orientierungsfähigkeit. Vielleicht erklärt das auch Deutschlands mieses Abschneiden bei der PISA-Studie: Deutsche Schüler sind nicht blöd, sie finden nur einfach nicht mehr den Weg zur Schule.

Und im Falle von Bubble Tea kommt es noch schlimmer: „Geraten die Kügelchen über die Luftröhre in die Lunge, können sie zu einer Lungenentzündung oder sogar zu einem Lungenkollaps führen“, warnt Wolfram Hartman der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Was haben diese Asiaten eigentlich gegen unsere Kinder? Erst versuchen sie mit Tamagotchis ihre Gehirne zu veröden, dann mit Schwermetall verseuchtem Spielzeug ihre Leber zu demolieren und jetzt gehen sie mit Bubble Tea auf ihre armen, kleinen Bronchien los.

Doch ganz so schlimm kann Bubble Tea noch nicht im Oberstübchen unserer Kinder gewütet haben. Denn sie haben gemerkt: „Bobas pearls“ sind vielleicht als Nahrungsmittel ein echter Dreck, aber als ballistische Projektile ein absoluter Kracher. Vergesst Papierkügelchen aus dem Spuckrohr: „Tapioka pearls“ aus Strohhalmen wirken im Vergleich dazu wie eine Bazooka. Die Stadt Duisburg musste kürzlich mehrere tausend Euro für Reinigungsarbeiten aufbringen, weil Jugendliche einen U-Bahnhof in eine Art „Bubble Tea-Stalingrad“ verwandelt hatten. Die Bahnsteige sahen aus, als hätten eine Millionen Tauben in Stuka-Manier Boden und Wände mit ihren Exkrementen beschossen.

Also, liebe Kinder, das muss wirklich nicht sein! Man verschmutzt doch keine öffentlichen Plätze. Geht lieber zu McDonald’s. Die verkaufen den Mist natürlich auch schon. Und wenn Ihr mir versprecht, den Bubble Tea dort nicht zu trinken, dann schmeiße ich eine Runde!


Zur Person
weberPhilipp Weber ist nicht nur ein hochtalentierter Kabarettist, er ist auch studierter Chemiker. Und mit dieser Doppelbegabung hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Verbraucherschutz zur humoristischen Kunstform zu erheben. Denn lange vor Renate Künast hat Philipp Weber die politische Dimension von Essen erkannt. Sein neues Programm „Futter“ (Hier geht es zum Tour-Plan) ist, wie er selber meint, eine satirische Magenspiegelung der Gesellschaft.

Dieser Beitrag stammt von und dem worldsoffood-Team