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Maigrüße – Webers Kolumne Inka Meyer/ www.designee.de

Maigrüße – Webers Kolumne

Kabarettist Philipp Weber beschreibt in seiner Kolumne den Ablauf eines für ihn typischen Maifeiertages. Es geht um Grillen, die Begegnung mit Vegetariern, eben beim Grillen, und deren generelle Probleme in unserer fleischeslustigen Gesellschaft.

Ich liebe den 1. Mai. Tag der Arbeit! Der Tag an dem wir den Vorkämpfern der Arbeiterbewegung gedenken. Der Tag, an dem wir demütig unsere Häupter neigen vor Ferdinand Lassalle, August Bebel und den vielen Werktätigen, die ihr Leben ließen für Achtstundentag, 5-Tage-Woche, Arbeitsschutz und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Doch ein Wehrmutstropfen bleibt: Der Tag der Arbeit ist der einzige Tag im Jahr an dem ich schon um acht Uhr früh aufstehen muss.

Denn ich bin Kabarettist. Ein Geschöpf der Nacht. Normalerweise stehe ich um diese unchristliche Uhrzeit nur auf, wenn ich pinkeln muss. Doch leider komme ich einmal jährlich am 1. Mai nicht drum rum. Denn was macht der Deutsche, wenn er einen Tag der Besinnung begehen soll? Eben jenes, das er auch tut, wenn er an Pfingsten die Entsendung des Heiligen Geistes oder an Fronleichnam die leibliche Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie preisen will. Richtig: Er geht grillen. Und da sich an diesem Tag ganz Deutschland um die wenigen öffentlichen Feuerstellen prügelt, müssen meine Freunde und ich sehr früh los, damit wir rechtzeitig mit unseren Würsten die vorhandenen Grills besetzen können.

Sei es drum. Ich freue mich auf’s Grillen! Das heißt: Offenes Feuer, lodernde Glut, zischender Bratensaft, rauchendes Fett sowie dampfende Steaks – außen verkohlt und innen roh – in die man gierig seine Zähne schlagen kann... Einfach wieder Mensch sein. Die Fesseln der Zivilisation abstreifen. Den Neandertaler in sich spüren. Herrlich! Mein Fleisch habe ich bereits erlegt. Vier grobe Bio-Lamm-Bratwürste von einem regionalen Demeter-Bauernhof. Die Schafe bekamen kein Kraftfutter, sondern nur Gras, dafür viel ergotherapeutischen Auslauf gegen Stallroutine und psychologische Betreuung bis zu zwei Stunden nach der Schlachtung. Ich gebe gerne meinen wilden, animalischen Trieben nach. Doch sehe ich absolut keinen Anlass darin, die Gebote der political oder ecological correctness zu verraten. Nun fehlt mir noch das Futter für meine Freundin. Jedoch isst sie kein Fleisch. Und hier stehe ich nun: Ein Mann. In mir schlummert das genetische Material eines prähistorischen Jägers. Das Schicksal hat mir die Aufgabe zugeteilt, geduckt und lautlos durch das hohe Savannengras zu schleichen und Springböcken den Speer ins pochende Herz stoßen. Stattdessen suche ich nun für meine Lebenspartnerin die Supermarktregale nach Tofu-Bouletten ab.

Es ist unglaublich: Soja-Bolognese, Soja-Wienerle, Soja-Gulasch, Soja-Geschnetzeltes, Soja-Gyros, Soja-Burger… Ich glaube, Leute die fleischlose Gerichte entwickeln sind alles, aber keine Vegetarier. Klar, wenn die armen Schweine schon kein Fleisch essen dürfen, dann soll der Fraß wenigstens so aussehen wie ein Schnitzel. Warum imitiert vegetarisches Essen so oft Fleischgerichte? Man konvertiert doch auch nicht zum jüdischen Glaube und nennt dann sein Kind Adolf. Und dann alles in Soja! Die meisten Vegetarier, die ich kenne, essen gar kein Soja. Zu Recht! Ich finde viele dieser Produkte wirklich grenzwertig. Gerade Tofu ist für mich ein reines Propagandamaterial der fleischverarbeitenden Industrie. Nur erfunden, um jedes Klischee vom Vegetarier als völlig lust- und sinnesfeindlichem Menschen zu erfüllen. Wenn ich das Zeug nur rieche, fängt mein Magen böse an zu knurren: „Sag mal, willst du mich verarschen?“ Mir wird diese Soja-Schmiere sofort über. Beim ersten Biss denk ich noch, naja, kann man doch essen, aber beim zweiten Biss weiß ich: beim dritten Biss muss ich mich übergeben.

Zurück zum Supermarkt: Ich gehe mal rüber zur Kühltheke, vielleicht haben Sie ja Halloumi im Angebot? Den kann man gut grillen. Halloumi, oder auch Halumi, ist ein halbfester Käse, der bei uns meistens aus Kuhmilch hergestellt wird – gegrillt ist er schön lecker-knusprig. Der Käse behält beim Rösten seine gummiartige Konsistenz und macht beim Essen Geräusche als würde man ein Quietscheentchen zerkauen. Verdammt, Halloumi ist ausverkauft! Ich möchte meine „hohe Frouwe“ aber unbedingt minniglich verwöhnen. Als Entschädigung für letztes Jahr. Da gab es an unserem Lagerplatz nur eine Feuerstelle ohne Grill. Noch heute blutet mir das Herz, wenn ich daran denke, wie mein armes Mädchen vor Hunger zitternd versuchte, ihren Fetakäse auf eine selbst geschnitzte Haselnussrute zu spießen und über dem offenen Feuer zu grillen.

Ja, ein Vegetarier hat es heute echt schwer. Als würde man vom lieben Gott für den Versuch diesen Planeten zu retten bestraft werden. Ursprünglich wollten wir ja beide – also meine Freundin und ich – auf Fleisch verzichten. Auch wenn ich in diesem Beitrag nicht weiter darauf eingehen will, gibt es heutzutage dafür nun mal einige sehr gute Gründe. Und ich habe es auch versucht. Aber nach 6 Wochen konnte ich an gar nichts anderes mehr denken als an totes Tier. Nachts träumte ich von Blutwürsten auf winzigen Füßchen, die von mir mit Messern und Gabeln durch die Tübinger Innenstadt gejagt werden. Ich war auf Entzug, mein Körper schrie nach tierischem Protein. Ich habe mich sogar dabei ertappt, wie ich bei einem verirrten Reh auf der Straße unwillkürlich auf das Gaspedal getreten bin. Rauchen ist so leicht aufzugeben. Das habe ich im letzten Jahr fünfmal geschafft. Warum komme ich dann von den Bouletten nicht runter? Nach einem ganzen fleischfreien Jahr hatte ich schließlich derart an Gewicht verloren, dass meine Freundin drohte, ich solle mir sofort ein Stück Wurst kaufen, oder sie schlachte persönlich ein Schwein in der Badewanne.

Denn das Problem war: Statt nur auf Fleisch zu verzichten, habe ich oft gar nichts mehr gegessen. Auch das liegt an meinem Beruf. Wenn man seine Nahrung selbst zubereiten kann, ist das mit der Fleischlosigkeit natürlich kein Problem, auch ohne Tofu... Doch als Kabarettist bin ich sieben Tage die Woche unterwegs – und manchmal noch öfters. Bedeutet, ich bin bei meiner Ernährung auf die Gastronomie angewiesen. Und fahren Sie mal durch die deutsche Provinz und sagen in einer bürgerlichen Wirtsstube, dass Sie kein Fleisch essen. Da schaut der Ober Sie an als hätten Sie einen Sprengstoffgürtel unterm Kaftan. Und die Speisezettel lesen sich wie glühende Manifeste für die Tilgung jeglichen tierischen Lebens von dieser Erde. Erst neulich war ich in einem rheinischen Gasthof, die hatten eine Speisekarte so dick wie eine mittelalterliche Bibel. Aber alle, wirklich alle Gerichte bestanden nur aus einer Rekombination der Elemente: Schnitzel – Rumpsteak – Hühnerbrustfilet. Kroketten – Pommes – Spätzle. Pfeffersoße – Jägersoße – Rahmsoße. Also:
Schnitzel mit Pommes und Jägersoße.
Schnitzel mit Kroketten und Jägersoße.
Schnitzel mit Spätzle und Jägersoße.
Rumpsteak mit Pommes und Rahmsoße.
Rumpsteak mit Kroketten und Pfeffersoße.
Hühnerbrustfilet mit Nudeln und Jägersoße, usw.

Als ich den Ober gefragt habe, ob es auch was Vegetarisches gebe, dachte er kurz nach und begann dann seelenruhig seine Aufzählung:
Pommes mit Pfeffersoße.
Kroketten mit Jägersoße.
Spätzle mit Rahmsoße.
Kroketten mit Rahmsoße.
Kroketten mit Pommes und mit Jäger- und/ oder Pfeffersoße…

Manchmal lässt sich noch nicht einmal ein Salat finden, der nicht unter Bergen von toten Puten-Kadavern begraben wurde. Keine Kartoffelsuppe ohne Speck, kein Schaumsüppchen ohne Räucherlachs... Es sollte einen Preis geben für die unsinnigste Verwendung von Fleisch in einem fleischlosen Gericht. An diesem Punkt muss ich hier einmal harsche Kritik an der deutschen Gastronomie üben: Denn wenn es um vegetarisches Essen geht, sind manche Köche an Einfallslosigkeit und Ignoranz kaum zu übertreffen. Davon auch nicht ausgenommen sind die besseren Restaurants. Erst vor kurzem bekam meine Freundin bei einem Fünf-Gänge-Gelage, während wir anderen Gäste uns mit Flusskrebs-Tartar an Kresse-Schaum schadlos hielten, als Vorspeise einen Beilagensalat hingeknallt. Und zwar so liebevoll zubereitet wie es jeder Billig-Balkanese im Frankfurter Bahnhofsviertel hinbekommen hätte. An alle Köche da draußen: „Vegetarier hassen ihr Essen nicht!“ Es gibt deshalb keinen Grund ihnen labbriges Gemüse mit einer Mehlschwitze als ernsthafte Alternative für Rehrücken im Blätterteigmantel zu verkaufen! Und auch der stumpfste Küchenbulle schafft es aus Jakobsmuscheln, Lammnüsschen und Gänsestopfleber ein Menu zu zaubern, das irre auf dicke Hose macht. Worin besteht eigentlich die Kunst ein Rinderfilet zu braten? Seit Jamie Oliver & Co hantiert doch jeder Hobby-Bocuse mit Niedrigtemperaturmethode und Bratenthermometer. An den vegetarischen Gerichten aber erkennt man die wahre Meisterklasse: Neulich hat ein junger Küchenmeister im Landgasthof Zeidlmaier in Rohrbach meiner Freundin eine Art Lasagne aus gerösteten Brotscheiben, Spinat und kleinen, aber hocharomatischen Tomaten kredenzt. Es war einfach und doch raffiniert. Das nenne ich kochen!

Doch ich will keinem anderen die Schuld geben: Ich bin ein schwacher Mensch. Hier und da erliege ich der Fleischeslust. Im Gegensatz zu meiner Freundin, die es schließlich geschafft hat und jetzt clean ist. Aber Frauen sind auch einfach das stärkere Geschlecht: Gestählt gegen Schmerz und Entbehrungen, denken Sie allein an die Strapazen der Schwangerschaft. Wenn wir Männer durch so was müssten... Unvorstellbar, neun Monate kein Alkohol, die Menschheit wäre schon längst ausgestorben! Aber das bringt mich hier auch nicht weiter.

Also, an alle Gourmets da draußen: Wenn irgendjemand von meinen Lesern ein leckeres, vegetarisches, originelles Grillgericht auf Lager hat, raus damit! Ich freue mich über Kommentare!


Die Wurst, die ich in meinen nächtlichen Träumen durch Tübingen jage:



Zur Person
weberPhilipp Weber ist nicht nur ein hochtalentierter Kabarettist, er ist auch studierter Chemiker. Und mit dieser Doppelbegabung hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Verbraucherschutz zur humoristischen Kunstform zu erheben. Denn lange vor Renate Künast hat Philipp Weber die politische Dimension von Essen erkannt. Sein neues Programm „Futter“ (Hier geht es zum Tour-Plan) ist, wie er selber meint, eine satirische Magenspiegelung der Gesellschaft.

Dieser Beitrag stammt von und dem worldsoffood-Team